German

Wir sind nicht überrascht.

Wir sind Künstler_innen, Assistent_innen, Kurator_innen, Direktor_innen, Herausgeber_innen, Galerist_innen, Praktikant_innen, Wissenschaftler_innen, Student_innen, Schriftsteller_innen und mehr – Arbeiter_innen der Kunstwelt – und wir wurden begrapscht, belästigt, gefährdet, bevormundet, missachtet, bedroht und eingeschüchtert, von denen, die Positionen innehaben, welche den Zugang zu Ressourcen und Möglichkeiten regulieren. Wir haben geschwiegen, bedroht von der Macht, die über uns ausgeübt wurde und den Versprechungen von Zugang zu Institutionen und Karrierefortschritt.

Wir sind nicht überrascht, wenn Kuratoren uns Ausstellungen oder Unterstützung im Austausch für sexuelle Gefälligkeiten anbieten. Wir sind nicht überrascht, wenn Galeristen sexuelle Missbrauchshandlungen von Künstlern die sie vertreten romantisieren, verharmlosen oder verschweigen. Wir sind nicht überrascht, wenn eine Besprechung mit einem Sammler oder einem potentiellen Förderer zu einem sexuellen Angebot wird.
Wir sind nicht überrascht, wenn sich an uns gerächt wird, nachdem wir uns nicht einverstanden erklärten. Wir sind nicht überrascht, wenn Knight Landesman uns auf dem Stand einer Kunstmesse begrapscht und dabei verspricht, dass er uns bei unserer Karriere helfen wird. Machtmissbrauch überrascht uns nicht.

Dieser offene Brief geht auf eine Diskussion über sexuelle Belästigung in unserer Branche zurück, die auf die jüngste Enthüllung von Knight Landesmans sexuellem Fehlverhalten folgte. Die Diskussion hat sich anschließend international organisiert. Um Gerechtigkeit voranzutreiben wird dabei oft von Frauen of Color, Gender Nonconforming und Trans-Personen härtere Arbeit erwartet und geleistet. Unsere Effektivität beruht darauf, diese Überschneidungen sehr ernst zu nehmen und andere Faktoren, die zu Vorurteilen, Ausgrenzungen und Missbrauch beitragen, nicht auszuschließen. Diese Faktoren beinhalten (ohne jedoch darauf begrenzt zu sein): Geschlechtsidentität, Ability, Religion, Klasse und Immigrationsstatus. Es ist dringend notwendig, unsere Berichte über einen weit verbreiteten Sexismus, ungleiche und unangemessene Behandlung, Belästigung und sexuelles Fehlverhalten zu teilen, die wir regelmäßig, umfassend und akut erleben.

Viele Institutionen und Individuen mit machtvollem Einfluss in der Kunstwelt beziehen und stehen in der Theorie für Feminismus und Gleichberechtigung ein, profitieren oft finanziell von diesen fadenscheinigen Behauptungen progressiver Politik während sie in der Praxis unterdrückende und gefährliche Systeme aufrechterhalten. Diejenigen in Machtpositionen ignorieren, entschuldigen oder begehen selbst alltäglich Belästigungen und Degradierung und schaffen damit ein Klima der Akzeptanz und Mittäterschaft bei vielen, noch gravierenderen und illegalen Machtmissbräuchen.

Der Rücktritt eines Verlegers eines renommierten Magazins löst nicht das größere, viel bedrohlichere Problem: eine Kunstwelt, die vererbte Machtstrukturen auf Kosten ethischen Verhaltens aufrechterhält. Ähnliche Missbrauchsformen treten häufig und international in großem Umfang in dieser Branche auf. Wir wurden zum Schweigen gebracht, geächtet, pathologisiert, als “überreagierend” abgetan und bedroht, wenn wir versuchten, sexuell und emotional missbräuchliches Verhalten zu thematisieren.

Wir werden nicht länger stumm sein.

Wir werden jene denunzieren, die uns weiterhin ausnutzen, schweigen und uns entlassen. Ihre Handlungen werden nicht länger ein Geheimnis sein, über das wir uns nur flüsternd austauschen, aus Angst vor Ausgrenzung, professionellen Konsequenzen und Beschuldigungen. Wo wir Zeug_innen von Machtmissbrauch werden, sind wir entschlossen diesen anzusprechen und zu fordern, dass Institutionen und Einzelpersonen unsere Anliegen ernsthaft behandeln und diese Vorfälle offenlegen – unabhängig vom Geschlecht des Täters.

Wir werden nicht länger die herablassenden Bemerkungen ignorieren, die falsch platzierten Hände an unseren Körpern, die Drohungen und Einschüchterungen die als schlechter Flirt getarnt sind oder das Schweigen von ehrgeizigen Kolleg_innen. Wir werden es nicht tolerieren bloßgestellt oder angezweifelt zu werden und wir dulden keine Anschuldigungen, wenn wir Missbrauch offenlegen. Wir werden keine “Arbeitsgruppen” gründen, um ein Problem zu lösen, das an uns verübt wird. Im Folgenden wollen wir ein Verzeichnis an Handlungsweisen anbieten, dass für diejenigen, die sich machtlos fühlen als Referenz dient für die Gewährleistung einer sicheren Arbeitsatmosphäre.

Wir, die Unterzeichner_innen, rufen Kunstinstitutionen, Vorstände und Kollegen auf, sorgfältig über ihre Rolle in der Fortdauer und Aufrechterhaltung von verschiedenen Formen sexueller Unrechtmäßigkeit und Missbrauch nachzudenken.

Wir sind mittlerweile zu viele, um uns zum Schweigen zu bringen oder ignoriert zu werden.

Mit all unseren bisherigen Erfahrungen und Erlebnissen sollte dieser Brief keine Überraschung sein.

#NOTSURPRISED
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Dieser Brief ist der feministischen Historikerin Linda Nochlin gewidmet (1931-2017) deren Aktivismus, Geist und wegweisende Texte eine Inspiration für unsere Arbeit sind.

DEFINITION SEXUELLE BELÄSTIGUNG

Sexuelle Belästigung ist rücksichtslos und manipulativ und passiert oft um die Überlegenheit und Dominanz von einer Person über eine andere zu behaupten.

Sexuelle Belästigung beinhaltet jede Form von nicht willkommener Verhaltens- und Handlungsweise sexueller Natur und kann viele Formen annehmen, wie unter anderem nicht nötiger, unerwünschter, unaufgeforderter physischer Kontakt; degradierende Kommentare; unerwünschte Kommentare über die körperliche Erscheinung einer Person oder deren Kleidung; Kommentare zur sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität; Fragen zum Sexleben einer Person; unwillkommene Angebote, Einladungen, und Flirten sexueller Natur; das Teilen und Zeigen sexuellen Materials, das Überreichen von nicht erwünschten persönlichen Geschenken, Nachpfeifen, Verfolgen, anzügliches Grinsen oder Stalking.

Sexuelle Belästigung wird nicht immer durch eine Person verübt. Sie kann sich in Form von Emails, durch visuelles Material, in den sozialen Netzwerken, über das Telefon, in Textnachrichten oder über jegliche anderen Medien manifestieren und verbreiten. Die ausübende Person muss sich seiner/ihrer Handlungen oder Aussagen als sexuelle Belästigung nicht im Klaren sein, um als solche geltend zu sein.
Das Opfer sexueller Belästigung kann die ausübende Person gut kennen, oder diese erst kennengelernt haben. Das Verhalten kann nur einmal oder viele Male über einen längeren Zeitraum auftreten. Das Opfer kann die ausübende Person in der Arbeit antreffen, im sozialen Umfeld oder durch persönliche Kontakte. Das Opfer kann in einem professionellem oder sozialen Verhältnis zur ausübenden Person stehen. Das Opfer kann nach außen den Anschein machen, das es in einen Akt oder einer Belästigung einwilligt oder zustimmt und kann das Verhältnis zur ausübenden Person aufrecht erhalten oder Anscheint machen es aufrecht zu erhalten.

Dies heißt nicht, dass die sexuellen Handlungen – oder Verhaltensweisen erwünscht oder erbeten waren. Falls das Verhalten nicht willkommen, erwünscht oder erbeten war, ist es sexuelle Belästigung, unabhängig von den Umständen und den Gegebenheiten des Aufeinandertreffens oder der Beziehung. Das Opfer sollte nie in der Lage sein jeglichen Grund angeben zu müssen für dessen Verweigerung an der Teilhabe.

Sexuelle Belästigung ist hochgradig destruktiv für das Opfer und kann ernsten psychologischen Schade bei jenem herbeiführen. Falls es am Arbeits – oder Ausbildungsplatz bzw. institutionellem Rahmen passiert, kann es nachhaltig schädliche Auswirkungen auf die Leistungen und Erfolge, die Karriere und den Ruf haben. Die Minderung einer Person allein auf ihre Sexualität untergräbt ihre professionellen Fähigkeiten und Beitragleistungen. Das Beschämen, Beschuldigen und die absolute Zurückweisung der Erfahrung des Opfers, von den Personen bei denen das Opfer um Hilfe sucht, trägt zu einer Kultur des Schweigens und Verheimlichens bei.

Sexuelle Belästigung wird oft von Personen in Machtpositionen gebraucht um die Dominanz und Kontrolle über diejenigen auszudrücken die über keine Macht verfügen. Für das Opfer von sexueller Belästigung kann es aus diesem Grund riskant sein offen darüber zu sprechen. Aufgrund der sexuellen Natur dieser Art des Machtmissbrauchs ist das Risiko oftmals mit Scham und Befangenheit verbunden. Sexuelle Belästigung kann in manchen Fällen über Monate und Jahre hinweg oder nie gemeldet werden. Möglicherweise können die Opfer aus Angst und Gegenreaktionen sich nicht namentlich melden. Auch lange Zeit nach der Überfällen verliert diese keine Gültigkeit.

Translation by Maurin Dietrich and Cathrin Mayer